Auszug aus dem Kapitel

Käthe und die Knastis

Willst du mit mir ein paar Hühner retten?“

Steffi schwieg am anderen Ende des Telefons ein wenig perplex. Ich hatte ihr die Frage unmittelbar gleich nach dem „Hallo“ gestellt und sie war eindeutig erst etwas überrumpelt. Aber Steffi wäre nicht Steffi gewesen, hätte sie lange gebraucht, um auf eine solche Frage zu antworten.

Klar.“, sagte sie. „Wieso?“

Man muss dazu sagen, dass meine Freundin Steffi, die ich kennengelernt habe, als ich mit Anfang zwanzig mein Studium abgeschlossen hatte und vor dem Referendariat noch ein bezahltes Praktikum an einer Privatschule machte, an der Steffi zu diesem Zeitpunkt fest angestellt war, mindestens ein genauso großes Herz für Tiere hat wie ich. Auch sie hatte seit Jahren nur Tierschutz-Tiere bei sich aufgenommen. Zu dem Zeitpunkt, als ich sie anrief, beherbergte sie neben zwei Tierheimkatzen noch mehrere ehemalige Straßenhunde aus dem Ausland. Außerdem hatte sie sich, ebenfalls wie ich, gerade erst vor Kurzem wieder Hühner angeschafft. Wieder muss man in diesem Fall sagen, weil Steffi bereits in früheren Jahren schon einmal Hühner besessen hatte. Steffis derzeitige Hühner waren von einem gängigen Händler – auch sie kannte nur Tierschutzorganisationen, die gelegentlich mal einmalige Hühnerrettungen durchgeführt hatten. Jedenfalls hatte sie schon einige Erfahrungen mit Hühnern (was ihr in den Anfängen meiner Hühnerhaltung gelegentlich zur bösen Falle wurde, denn ich rief sie zu fast jeder Tageszeit an, weil mir wieder irgendeine Frage über Hühnerhaltung eingefallen war) und war Feuer und Flamme bei der Idee, Hennen aus einer Massentierhaltungsanlage zu retten. Ich erklärte ihr das Prinzip der Initiative „Rettet das Huhn“ und sie stimmte zu, mit mir nach NRW zu fahren („Gabriel kommt bestimmt auch mit!“ frohlockte sie munter und zog so ihren Lebensgefährten von Anfang an in die Sache mit rein). Sie wollte drei Hennen zu ihren vorhandenen dazu nehmen, ich zwei.

So telefonierte ich zum ersten Mal mit Katja, der Gründerin von Rettet das Huhn. Hätte mir jemand zu diesem Zeitpunkt gesagt, wie oft ich in den nächsten Jahren noch mit Katja telefonieren würde, ich hätte demjenigen nicht geglaubt. Ich erzählte ihr ein bisschen von Steffi und mir und wir waren gleich per Du. Katja erklärte mir, dass sie eine Hennenabnehmerin kenne, die gerne wieder zehn Hennen aufnehmen wollte, aber am Rettungstag keine Möglichkeit hatte, nach NRW zu kommen. Sie wohnte nur eine halbe Stunde Fahrt von mir entfernt und könnte die Tiere einen Tag nach der Rettung bei mir abholen. Ob ich denn die Möglichkeit sähe, die zehn Hennen für diese Abnehmerin mitzunehmen und sie für einen Tag und eine Nacht bei mir unterzubringen. Natürlich sah ich diese Möglichkeit und bot mich so gleich als Fahrgelegenheit für zehn weitere, gerettete Hennen an. Katja und ich waren uns sofort sehr sympathisch – wir waren gleich alt, hatten die gleichen Interessen und verquatschten uns an diesem Tag sofort und telefonierten über eine Stunde am Stück. Ich glaube, dieses erste Gespräch mit Katja werde ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen – ich war baff, neben Steffi und ein paar wenigen, anderen Freundinnen noch jemanden kennen zu lernen, dem die gleiche Leidenschaft für Tiere im Blut zu stecken schien.

Es war Juni, und im August sollte die Rettung statt finden.

Ähnlich wie bei meiner ersten Hühneranschaffung war ich auch dieses Mal ziemlich aufgeregt und fieberte dem Abholtermin entgegen; allerdings regten sich bei mir auch Zweifel. War es wirklich sinnvoll, extra die weite Strecke, immerhin fast vier Stunden, nach NRW zu Katja zu fahren, nur um zwei Hennen für mich abzuholen? Bis zum Abend vor der Rettungsaktion nagten die Zweifel an mir und ich überlegte, Steffi anzurufen und sie zu fragen, ob wir die ganze Sache nicht abblasen wollten. Ich tat es nicht. Ich dachte: Gut, vielleicht wird es ein Reinfall. Vielleicht denkst du im Nachhinein: Ok, jetzt sind hier zwei Hennen mehr, aber die weite Strecke war echt ein riesiger Aufwand dafür. Aber dann ist es eben so gewesen und ich habe mal etwas Verrücktes gemacht.

So fuhren Steffi, Gabriel und ich am nächsten Tag zum Treffpunkt, den Katja uns genannt hatte. Auf der Fahrt redeten wir über alles Mögliche, nicht nur über die Hühnerrettung. An Bord hatten wir zwei Kleintierkäfige und sicherheitshalber zwei Katzentransportboxen; Katja hatte mir erklärt, dass die Hennen möglichst luftig transportiert werden sollten. Sie riet von Umzugskartons, die mir damals die Familie aus dem Nachbardorf zur Hennenabholung empfohlen hatte, ab, da sie mit solchen schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Nach Jajagagas Tod konnte ich mir das gut vorstellen und da sich in meiner Scheune sowieso ein Sammelsurium aus Nagerkäfigen, die sich über die Jahre angesammelt hatten, befand, stellte das Ganze auch kein Problem dar.

Während der Fahrt schaute ich viel aus dem Fenster. Ich war noch nie in NRW gewesen, und die Gegend, in die das Navi uns leitete, war wunderschön; ich schaute fasziniert auf die grünen Berge und die kleinen, urigen Dörfer, die in den Tälern dazwischen lagen. Damals ahnte ich noch nicht, dass es lang nicht das letzte Mal gewesen sein würde, dass Steffi und ich diese Strecke fuhren.

Unterwegs rief Katja einmal kurz an. Wir hatten das Ziel fast erreicht, aber Katja teilte mir mit, dass sie sich etwas verspäten würde. Sie habe ein paar Hennen mehr aus dem Stall geholt als ursprünglich geplant, daher habe sich alles ein wenig verzögert.

Als wir am Treffpunkt ankamen, waren wir etwas verunsichert. Wir befanden uns in einem der kleinen Dörfchen, die ich vom Fenster aus gesehen hatte, und fanden die angegebene Straße und Hausnummer schnell. Wir parkten in der Nähe und sahen uns ein wenig um. Von geretteten Hühnern oder anderen Menschen, die ebenfalls Hühner abholen wollten, war nirgends eine Spur zu sehen. Wir klingelten auch bei der angegebenen Hausnummer, aber niemand öffnete. Wir waren unsicher, glaubten fast schon daran, einem Scherzbold auf dem Leim gegangen zu sein; wir überlegten kurz, wieder zu fahren. Katja meinte, dass ungefähr hundert Hennen gerettet werden sollten; wir fragten uns, wo wohl die ganzen Abnehmer waren, die diese Hennen mit Nachhause nehmen sollten. Steffi meinte, wir sollten einfach noch ein wenig warten. Falls niemand kam, konnten wir immer noch fahren.

Ich spürte einen leichten Anflug von Panik. Wenn tatsächlich niemand kommen würde, wären wir die ganze weite Strecke umsonst gefahren, und es wäre ganz allein meine Schuld, weil ich nicht gemerkt hatte, dass man mich am Telefon sozusagen veräppelt hatte.

Aber meine Sorge war unbegründet. Wir warteten noch eine Viertelstunde, dann bog ein Auto um die Ecke; an der Anhängerkupplung war ein kleiner, mit einer Plane abgedeckter Anhänger zu sehen.

Da sind doch unmöglich hundert Hühner drin...“ murmelte Steffi ungläubig neben mir. Wie auch ich ging sie fest davon aus, dass dies der Hühnertransport sein musste.

Wir behielten Recht. Das Auto fuhr vor die als Treffpunkt angegebene Hausnummer. Eine hochgewachsene, hübsche junge Frau und ein Collie sprangen aus dem Auto. Plötzlich waren auch noch ein, zwei weitere Menschen da; eindeutig andere Hennenabnehmer. Ich war so aufgeregt, dass ich nicht bemerkt hatte, woher sie plötzlich gekommen waren.

Katja begrüßte uns erstmal und öffnete dann den Anhänger. Darin waren etwas über hundert Hennen in Kleintierkäfigen gestapelt. Wir packten alle mit an und luden die Käfige aus. Steffi kamen die Tränen, als sie die gerupften, völlig verstörten Hennen sah. Mir war eher ein bisschen zum Weinen bei dem Gedanken an die Hennen, die Katja an diesem Tag nicht in Kleintierkäfigen aus dem Stall getragen hatte; die befanden sich nun nämlich schon auf einem Transport in eine alles andere als glückliche Zukunft...

Schockiert war ich weniger darüber, dass die Hennen stark gerupft waren; damit hatte ich gerechnet und diesen Anblick hatte ich erwartet. Völlig verblüfft fragte ich aber: „Warum sind die Kämme so hell?“ Nicht nur die Kämme, auch alles andere an den Hühnern, was nicht befiedert war, wirkte unnatürlich hell, beinahe weiß. Ich kannte nur meine gesunden Hennen Zuhause; ihre Kämme und Ohrläppchen waren stets von einem satten, leuchtenden Rot.

Katja und Steffi erklärten mir, dass die helle „Hautfarbe“ der Hennen vom Lichtmangel käme; in den Bodenhaltungsbetrieben werden die Hennen in den meisten Fällen ohne natürliches Tageslicht gehalten.

Katja fragte, ob es uns möglich war, mehr Hennen als geplant zu nehmen, da sie auch mehr gerettet hatte als ursprünglich geplant. Steffi entschied sich, vier anstatt drei Hennen zu nehmen, und auch ich stimmte zu, eine Henne mehr als geplant aufzunehmen.

So luden wir letztendlich siebzehn Hennen in Steffis Bulli ein. Wir verabschiedeten uns von Katja und machten uns auf den Heimweg.

Die Rückfahrt war um einiges interessanter als die Hinfahrt – schließlich saß ich nun neben siebzehn aufgeregten Hennen! Zuerst liefen sie alle aufgeregt durcheinander, aber ziemlich schnell wurden sie alle ganz still und schauten beim Fahren aus dem Fenster. Gerührt begriff ich, dass diese Hennen gerade zum ersten Mal die Sonne, den Himmel und Bäume sahen. Deshalb starrten sie so still und fasziniert hinaus.

Gelegentlich gab es aber dann doch eine gewisse Aufregung; immer wieder legte ein Huhn ein Ei. Wegen der Aufregung waren die Schalen der meisten Eier zu dünn. Ich hatte mich bereits schlau gelesen und erfahren, dass man solche Eier „Windeier“ nennt. Die Schale ist eher gummiartig und nicht sehr fest. Sobald ein solches Windei von einer der Hennen gelegt wurde, stürzten sich praktisch alle Hennen auf dieses Ei, zerpickten es und fraßen es in rasantem Tempo. Danach legte sich die Aufregung aber gleich wieder und die Hennen schauten versonnen aus dem Fenster.

...

 

Am nächsten Tag wurden die zehn Hennen abgeholt und ich entschied, dass meine drei neuen Hühnchen am selben Abend nun endlich zu den anderen Hennen gesetzt werden sollten. Außerdem sollten sie nun Namen bekommen. Ich nahm mir Zeit, die drei im Kleintierkäfig genau zu betrachten. Die kleine Braune sah immer noch erbärmlich aus. Sie war fast komplett kahl gerupft und wirklich mickrig, selbst im Vergleich zu den anderen braunen Hennen, die abgeholt worden waren und die allesamt auch in ziemlich schlechtem Zustand gewesen waren. Aber auch die beiden Weißen boten ein Bild des Jammers; der Rücken und der Bereich am Hinterteil waren völlig kahl. Außerdem waren sie nicht wirklich weiß – ihre Farbe erinnerte mich eher an den Gelbton, den Schnee hatte, wenn schon einige Hunde ihn besucht hatten. Ich wollte die drei später in der Dunkelheit zu den anderen Hennen auf die Stange setzen. Ich hatte mich schlau gelesen und so herausgefunden, dass man auf diese Art Hennen am Besten vergesellschaftet. Damals konnte ich es nicht glauben. Aber heute erkläre ich es Leuten, die mich fragen, auch so: Setzt man die Hennen tagsüber ins Gehege zu den anderen Hennen, werden die Alteingesessenen die Neuen ziemlich heftig attackieren, da sie ihr Revier verteidigen wollen; setzt man sie im Dunkeln mit auf die Stange, werden sie recht schnell akzeptiert. Ich dachte damals, so doof können Hennen doch nicht sein. Sie müssen doch trotzdem erkennen, dass da neue Hennen dazugekommen sind. Aber mittlerweile habe ich diese Sache ja schon mehrfach durch und kann sagen: Ja, es stimmt. Ich meine, ich will Hühnern nicht unterstellen, dass sie doof sind. Aber irgendwie sehen sie manchmal logische Zusammenhänge nicht. Ich setze also immer meine neuen Hennen zu den alten im Dunkeln, wenn sie schlafen, auf die Stange – und am nächsten Tag gucken die Alten so ein bisschen komisch, als würden sie denken: Hm, seltsam, die da drüben waren aber gestern eigentlich noch nicht da, aber wenn sie jetzt da sind, heißt das wohl, dass sie aus irgendeinem Grund zu uns gehören, schließlich habe ich nicht gesehen, wie sie unerlaubt in unser Revier eingedrungen sind – gut, dann sind sie jetzt eben da, ist schon ok, aber so ein, zwei Tage werde ich sie noch ein bisschen ungern ans Futter lassen, nur damit sie wissen, dass ihr plötzliches Auftauchen mir ein wenig suspekt ist.

Ich nannte die beiden hellen Hennen Selma und Josephin, meine kleine, zarte braune Henne Käthe.

Am Abend setze ich sie zu meinen alten Hennen mit auf die Stange. Ich war ziemlich aufgeregt und fragte mich, wie es morgen Früh wohl sein würde, wenn ich die Luke öffnete.

Am nächsten Tag stand ich besonders früh auf, sofort, als es hell wurde. Ich sprintete mit meinen Hunden als Erstes zum Hühnerhaus – irgendwie war ich beunruhigt und hatte doch Sorge, meine Alten könnten die Neuen gehackt und verletzt haben. Ich öffnete die Luke und meine alteingesessenen Hennen kamen wie immer eilig raus, denn sie wussten, das Futter hatte ich ihnen schon bereit gestellt. Die Neuen kamen nicht.

Selma, Josephin und Käthe saßen etwas verunsichert im Häuschen, aber es ging ihnen offenkundig gut. Ich ließ sie einfach in Ruhe und wartete ab.

Es dauerte etwas, aber nach einer Stunde trauten sich nach und nach auch meine drei neuen Hühnchen raus. Sie waren vorsichtig; erst streckten sie die Köpfchen raus, sahen sich vorsichtig um, dann ein Bein, schließlich das andere... Ganz anders als meine alten Hennen aus guter Privathaltung, die sofort den ganzen Auslauf erkundet hatten, waren sie sehr vorsichtig. Nur zögerlich sahen sie sich um. Ab und an scheuchte eine meiner alten Hennen sie leicht, aber nie so, dass es bedenklich war. Oft standen die Neuen einfach nur da und schauten hoch, in den Himmel. Ich werde es nie vergessen, wie gebannt sie das Blau über sich anstarrten, fast so, als könnten sie es nicht glauben, dass es so viel Platz auf der Welt gab.

Damals wusste ich noch nicht, dass Selma nur ein paar Monate in Freiheit vergönnt waren; plötzlich schwächelte sie den einen Tag etwas und lag am nächsten tot im Hühnerhäuschen. Aber ich war froh, dass sie einen ganzen Sommer und den Herbst bei mir in Freiheit hatte. Die braune Käthe und die weiße Josephin entwickelten sich prima; Josephin wurde eins der schönsten Hühner, sie war irgendwann voll befiedert und strahlend weiß, vom Gelbton keine Spur mehr. Sie lebte über zwei Jahr bei mir, ehe auch sie eines morgens ohne irgendwelche Vorzeichen tot im Hühnerhaus lag. Die kleine, schmächtige Käthe war irgendwann auch voll befiedert und fand einen festen Platz in der Gruppe; sie lebt bis heute bei mir.

Jedenfalls, als ich so da saß und die drei Hennen betrachtete, alle gerupft, mit viel zu hellen Kämmen und Selma und Josephin mit ihren gelben Federn, da kam es mir vor, als betrachtete ich drei völlig ausgebeutete Arbeiterinnen, die zum ersten Mal in ihrem Leben begriffen, dass es auch etwas anderes als Enge, Stress und Angst im Leben gibt. Oder wie zu Unrecht gefangen gehaltene Ex-Knastis, die nun endlich erfuhren, was Freiheit ist. Mein Herz war erfüllt von Freude, als ich sie mit den anderen Hühnern laufen sah, gleichzeitig war mein Herz auch irgendwie schwer; ich dachte an die vielen Hennen, die so etwas niemals erleben würden. Ich wusste, es gibt um die 45 Millionen Legehennen in Deutschland. Ich war schon immer Idealistin gewesen, aber nie naiv; ich wusste, sie alle konnte man nicht retten. Ich wusste, dass Katja nur einen kleinen Teil der Hennen, die vom Betreiber nicht mehr gebraucht wurden, gerettet hatte. Ich dachte so bei mir, dass es doch furchtbar war, dass sie ein paar raus suchen musste in dem Bewusstsein, dass die anderen sterben mussten. Natürlich, es war immerhin besser, diese, sagen wir, zweihundert von 1600 Hennen, die in dem Stall leben, zu retten...

Trotzdem begann in meinem Herzen bereits ein Plan Gestalt anzunehmen.