Auszug aus dem Kapitel

Irgendwie eine andere Welt

 

 

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Einige Menschen, die mich und die Tiere hier zum ersten Mal besuchen kommen, erzählen manchmal in meiner Gegenwart anderen davon. „Es war wie in einer anderen Welt.“, sagen sie. Ich verstehe, was sie meinen. Auf meinem Hof ist es nie ruhig und es herrscht viel Trubel durch die Tiere, aber es ist eben ein anderer Trubel als der, den man aus der Stadt kennt. Es wirkt also auf Menschen, die nicht auf dem Land leben und keine oder nur sehr wenige Tiere haben, als wären sie in einer fremden Welt gelandet. Lustigerweise kommt aber niemand auf die Idee, dass es umgekehrt für mich genauso ist. Verlasse ich mit dem Auto meinen Hof, ist noch alles gut, auch, solange ich noch durch die ersten Dörfer tuckere. Verändert sich die Umgebung, kommt es mir vor, als hätte ich die Grenze zu einem anderen Land durchfahren. Seit dem ich auf meinem Hof lebe, bin ich viel empfindlicher in Bezug auf Lärm geworden. Hier hört man keine Autobahnen oder andere laute Straßen. Was man hier hört, ist das zahlreiche Krähen der Hähne am Morgen – jeder von ihnen hat eine andere Stimme –, das Gackern der Hühner und Blöken der Schafe. Und Vögel. Das Zwitschern der Vögel an einem Frühlingsmorgen hier auf dem Land – es ist unfassbar! Keine laute Musik, kein Motorengeknatter, keine brüllenden Menschen, nur Geräusche der Natur.

 

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Wenn ich also „meine Welt“ verlasse, wenn ich einen Kühlschrank mit veganen Bioprodukten, meinen Tierschutz-Freundeskreis und meine tierischen Persönlichkeiten hier auf meinem Hof hinter mir lasse, fühle ich mich in der „anderen“ Welt immer etwas fremd. Dort ist es laut, es wird so selbstverständlich Fleisch gegessen („Wer hat die Ente bestellt? Die dauert noch etwas, sie wehrt sich noch.“, scherzte einmal ein Kellner und alle lachten, während mir die Galle hoch kam.) und es herrscht eine Hektik, die ich von meinen Tieren nicht kenne. Diese Welt erscheint mir manchmal so kalt und fast schon grausam. Es wird immer von der „Grausamkeit der Natur“ geredet, aber in der Natur konnte ich bisher keine Grausamkeit entdecken. Eher in der Welt, die ich betrete, wenn ich meinen Hof verlasse.

Für die meisten Besucher auf meinem Hof ist der Aufenthalt wie ein kleiner Abenteuerurlaub. Für ein paar Stunden verlieren sie sich gedanklich zwischen den Tieren. Häufig fällt mir auf, dass die Menschen mir plötzlich nicht mehr zuhören, so abgelenkt sind sie davon, die Tiere zu beobachten. Sicher wollen sie nicht zwangsläufig auch so leben wie ich, aber eine gewisse Faszination scheint meine Tierecke wohl doch auf sie auszuüben. Natürlich gibt es aber auch die „anderen“. Die Menschen, die notgedrungen wegen einer wichtigen Sache zu mir kommen mussten, aber eigentlich nicht richtig angetan sind von dem Besuch bei mir. Die komisch gucken, wenn die Hunde – wau wau wau – auf sie zurennen und sich wie irre freuen. Sie stehen dann möglichst reglos in meinem Garten, aus Angst, in Hühnerkot zu treten. Ich lasse mir nichts anmerken, sehe aber die Kleinigkeiten: Das verstohlene Abklopfen der hellen Hose, auf der kleine Hundetapsen zu sehen sind; das leichte Nasekräuseln, wenn eine Katze um ihre Beine streicht; das Stirnrunzeln, wenn ich einen Hund auf meinem Arm knuddle und dabei verzückt quieke: „Du bist so eine kleine, süße Maus!“; der schockierte hast-du-das-gesehen-Blick, wenn ich einem Huhn einen Kuss auf den Rücken drücke. Diese Menschen erledigen schnell bei mir, wozu sie gekommen sind, der Kaffee mit Sojamilch wird mit angewidertem Gesichtsausdruck rasch heruntergespült, dann gibt es noch kurzes Händeschütteln und viel Hundegebell und dann sind sie wieder weg.

Ja, da treffen Welten aufeinander.

 

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